Brief zum Weltsuizidtag 2010
Ich glaube daran, dass das größte Geschenk, das ich von jemandem empfangen kann, ist, gesehen, gehört, verstanden und berührt zu werden. Das größte Geschenk, das ich geben kann, ist, den anderen zu sehen, zu hören, zu verstehen und zu berühren. Wenn dies geschieht, entsteht Kontakt.
Virginia Satir
Sehr geehrte Damen und Herren,
Mit diesem Gedanken von Virginia Satir beginne ich den diesjährigen Jahresbrief, den ich wieder zum 10.09.10 veröffentliche, dem Datum des Weltsuizidtages.
Bundesweit bietet die Telefonseelsorge mit ihrem anonymen, vertraulichen Angebot eine allgemein bekannte, kostenfreie Nummer für Menschen an, die suizidal sind. Aber es rufen glücklicherweise auch Menschen an, weil sie Sorgen haben und emotional sehr belastet sind, aber nicht oder noch nicht akut suizidal. Konkrete Suizidalität kann sich daraus entwickeln, wenn die Belastungen und seelischen Behinderungen chronisch werden und kein weiterer Lösungsweg mehr gesehen werden kann.
Erwin Ringel hat die tunnelförmige Einengung vieler suizidaler Menschen auf die Selbsttötung und das Lebensende in Zusammenhang mit der auf sich selbst gerichteten Aggression und zunehmenden Suizidphantasien als "präsuizidales Syndrom" beschrieben. Gefühls- und Erlebnisdispositionen in diesen Phasen sind Angst und Enttäuschung, Resignation und Hoffnungslosigkeit, Ohnmacht und Hilflosigkeit. Das bedeutet für die Helfer, dass das Ziel der Hilfe nicht die Verhinderung der Selbsttötung, sondern das Öffnen oder Offenhalten von Entscheidungsmöglichkeiten sein muss.
Auf viele der Anrufer und der Online-Ratsuchenden trifft diese Präsuizidalität zu.
Es ist unsere Aufgabe hier, für alle ehrenamtlichen MitarbeiterInnen am Telefon und in der Online-Beratung, das größte Geschenk zu geben und mit der ganzen Aufmerksamkeit und Achtsamkeit immer wieder zu versuchen, mit dem Anrufer in Kontakt zu kommen, zu hören, zu verstehen und zu berühren. Das ist in vielen Fällen richtig harte Arbeit, weil viele Anrufer Angst vor Berührung haben, zu häufig haben sie Enttäuschungen erfahren.
Ein Beispiel dazu:
Ein Anrufer, der hin und wieder bei uns anruft ist häufig vorwurfsvoll und aggressiv: "Sie können mir sicherlich auch nicht helfen, ihre Stimme klingt so verdammt unerfahren", oder "gleich lassen sie einen frommen Spruch los, damit sie mich loswerden".
Nicht auf diese Provokation eingehen, nicht rechtfertigen ist hier ein möglicher Weg, sondern eher distanziert bleiben und besprechen, was der Anrufer jetzt für ein Anliegen hat. Es ist möglich, zu ihm durchzudringen, allerdings nur kurz und unter Wahrung seines Wunsches nach Distanz. Aufgrund der mehrfachen Anrufe hat er nach und nach etwas Vertrauen zu uns gefasst und kann über seine langandauernden traumatischen Verletzungen sprechen. Seine belastenden, traumatisierenden Kindheitserfahrungen haben dazu geführt, dass er in aller Regel nur provozierend, vorwurfsvoll, abwertend kommunizieren kann.
In der Ausbildung nimmt die Beschäftigung und der Umgang mit suizidalen, präsuizidalen Anrufern einen großen Raum ein. Auch wenn auf den ersten Blick diese spezifische Anrufergruppe relativ klein ist gegenüber Anrufern mit Sorgen, emotional belastenden Lebenssituationen und in akuten Krisen, ist der Übergang und die Abgrenzung fließend. Sensibel dafür zu werden, wie akut bedrohlich die emotionale Befindlichkeit des Anrufers ist, ist ein wichtiger Aspekt in der Ausbildung und der Supervision.
Aber auch das Üben von seelsorgerlichen Gesprächen mit Anrufern, die erst einmal nicht höflich anfragend sich melden, sondern schweigend, aggressiv, abwertend, mit Worten überschüttend, inhaltlich wirr und unverständlich, sich präsentieren, ist ein ganz wesentlicher Faktor. Die Balance zwischen offen und einfühlend bleiben, aber auch deutliche Grenzen bei verbaler Übergriffigkeit setzen, ist eine Kunst, die Achtsamkeit und gegenseitigen Respekt erfordert.
Nun zu einigen aktuellen Informationen aus unserer Telefonseelsorge Nordhessen:
Im Jahr 2009 haben uns 19 569 Anrufe erreicht, wir haben rund 180 Mails beantwortet, 80 Erstanfragen und Folgemails.Acht neue Mitarbeiterinnen haben im Juli 2009 ihre Ausbildung beendet und arbeiten seitdem in der Telefonseelsorge mit, wir sind jetzt 78 Aktive, etwas knapp für eine rund um die Uhr-Besetzung.
Wir haben unseren früheren Vorsitzenden, Pfarrer i.R. Udo Lüst, nun auch als Mitarbeiter verabschiedet, in 2002 hatte er bereits den Vorsitz an Dekan i.R. Gerd Enno Haenisch abgegeben. Zwei weitere langjährige Mitglieder haben das goldene Kronenkreuz erhalten.
Die Themen am Telefon verändern sich nicht auffällig, aber ein aktuelles Ereignis, der Suizid von Robert Enke, hat eine Lawine ausgelöst, mehr Männer haben sich gemeldet und auch den Mut gefunden von ihrer depressiven, belastenden Lebenssituation zu sprechen.
Einsamkeit, Beziehungsprobleme, psychische und physische Erkrankungen, akute und chronische Krisen sind weiterhin die Schwerpunkte der Themen am Telefon und in der Mailberatung.
Wir konzentrieren uns in den Fortbildungsangeboten immer wieder auf die Themen, die auffällig sind am Telefon, wie z.B. "Borderlinestörungen". Immer wieder melden sich Anrufer, die sich selbst verletzen, Probleme haben kontinuierliche Beziehungen zu leben. Es ist hilfreich und entlastend, wenn wir fachliche Hintergrundinformationen erhalten zu den Themen, die uns am Telefon häufig begegnen.
Zu unserer finanziellen Situation:
Einfach ausgedrückt: Die Telefonseelsorge Nordhessen hat Sorgen.Wir brauchen mindestens 30 000 Euro zusätzlich, das sind 24% des Gesamthaushaltes, um die Ausgaben für die Aus-, Fort- und Weiterbildung der Ehrenamtlichen bestreiten zu können.
Wir starten gerade eine Aktion: 100 x 100, um noch weitere Spendenmittel zu erwirtschaften und das drohende Defizit zu verhindern.
Das strukturelle Defizit, das seit Jahren besteht und durch Großspenden auch mal abgebaut werden konnte, wird größer.
Unsere Ausgabenbereiche haben sich nicht verändert: Miete, Nebenkosten, Aus-, Fort-und Weiterbildung, die technische Ausstattung, die Organisation und Verwaltung verursachen Kosten, die zunehmend steigen, allerdings im zeitgemäßen Umfang, aber die Einnahmen sinken, weil Zuschüsse wegbrechen, der Spendenmarkt für einmalige Großspenden enger wird.
Der Förderverein, den es seit 2004 gibt, ist aktiv und organisiert einige Aktivitäten, damit wir "sichtbarer" werden, erfolgreich, aber noch nicht ausreichend.
Bereits jetzt macht der Anteil an Spenden, Kollekten, Mitgliedsbeiträgen und Bußgeldern 15 000 € aus, das entspricht 12% des Gesamthaushaltes. Diese Mittel reichen nicht aus, um auch in Zukunft unsere Ehrenamtlichen im notwendigen Umfang zu qualifizieren und zu begleiten. Wir können noch auf Rücklagen zurückgreifen, die aber nur noch für ein Jahr ausreichen.
64% unseres Haushaltes sind Zuschüsse beider Kirchen, des Landes Hessen und des Landkreises Kassel. Wir hoffen darauf, dass diese Mittel uns erhalten bleiben.
Wir bedanken uns bei allen, die unsere Einrichtung finanziell und ideell unterstützen!
