Brief zum Weltsuizidtag 2009

Gerhard Schöne

Lebendig tot

Manchmal ist man nicht erst tot,
wenn das Herz aufhört zu schlagen,
wenn sie einen auf der Bahre
in den Kühlraum tragen,
nicht erst, wenn die Hand das letzte Mal
ins Leere krallt,
nicht erst, wenn`ne Schaufel Erde auf den Sargdeckel knallt.


Vielleicht ist man längst schon tot,
obwohl man noch spazieren geht,
eigentlich schon unterm Rasen,
obwohl man noch den Rasen mäht,
an der Fernbedienung spielt,
sich mit Sonnenöl einreibt,
noch Geburtstagskarten kriegt
und selbst Geburtstagskarten schreibt.


Nur noch leere Muschel,
nur noch schöner Schein.
Ist das nicht das Schlimmste,
lebendig tot zu sein?


Manchmal kann es ganz schnell geh`n,
wenn der Aufstieg nur noch zählt,
wenn man etwas sagen müsste,
aber doch die Schnauze hält,
Katastrophenmeldung, Lottozahlen,
Actionfilm anguckt
Und das Ganze unverdaut
Mit einem Bierchen runterschluckt.


Manchmal stirbt man,
wenn man völlig arglos eine Fliege quält.
Manchmal stirbt man,
wenn man grinsend einen Judenwitz erzählt.
Manchmal stirbt man,
weil die Watte einem aus den Ohren quillt.
Manchmal stirbt man daran,
dass man immer seine Pflicht erfüllt.


Nur noch leere Muschel,
nur noch schöner Schein.
Ist das nicht das Schlimmste,
lebendig tot zu sein?


Wenn man mitkriegt, dass man tot ist,
muss man laut um Hilfe schrein
Manchmal haucht dann Gott persönlich
Einem noch mal Leben ein.
Manchmal schickt er einen Engel,
der die Herzmassage macht,
bis die Tränen wieder fließen
und das Herz im Leibe lacht.


Oh, das ist das größte Wunder,
wenn ein Toter aufersteht,
wenn die Leichenstarre endet
und in Leben übergeht,
wenn die Brust vor Schmerz und Freude,
Glück und Trauer wieder bebt,
wenn die Augen wieder schauen
und das Antlitz wieder lebt.


Sanfte, weiche Muschel,
heller Lichtenschein.
Ist das nicht das Größte,
vom Tod erwacht zu sein?



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